Wanderung von Ramat Hanadiv über Jisr az Zarqa/ Fishermen’s Village nach Caesarea 15,7 km
Immer wieder werde ich von Israelreisenden gefragt, ob man nicht auch einmal ein kleines Stück “Israel Trail” wandern könne, um einmal aus dem Mainstream herauszukommen und die wunderschöne Natur im Heiligen Land mit eigenen Füßen erleben kann. Klar geht das. In einer kleinen Beitragsserie stelle ich Euch hier ein paar ausgewählte kleine Wanderungen vor, die man bequem in der Gruppe und natürlich auch als Individualreisender einfach einmal nachwandern kann.
Ein Stück Israel National Trail: Wanderung von Ramat Hanadiv über Jisr az Zarqa/ Fishermen’s Village nach Caesarea
Einfache und landschaftlich sehr schöne Wanderetappe auf einem kleinen Teilstück des Israel National Trails (Shvil Israel) zunächst oberhalb des Mittelmeeres mit traumhaftem Blick auf das Meer und dann nach Jizr az Zarqa ab Fishermen’s Village direkt am Strand entlang. Das Tempo – hier mit mit Gruppe – war entsprechend gemütlich und mit vielen Fotopausen. Allein oder zu zweit geht es natürlich auch sehr viel schneller. Ich wünsche allen, die Israel auch einmal abseits des Bustourismus entdecken möchten eine superschöne Wandererfahrung! Dieses Teilstück gehört in etwa zur Etappe 16 von Zikhron Ya’akov nach Hadera.
Die wenigen Meter bergab vom Hirbat Akav solltet Ihr trittfest sein. Wanderschuhe sind vorteilhaft.
GPS Track von Georg Maas.
Link zu Wikilog: https://de.wikiloc.com/routen-wandern/israel-trail-wanderung-von-ramat-hanadiv-uber-jisr-az-zarqa-fishermens-village-nach-caesarea-30559592
Fotos von der Wandertour Ramat Hanadiv über Jisr az Zarqa/ Fishermen’s Village nach Caesarea
Wenn ich alles samt Umwegen zusammenzähle, komme ich heute wohl auf knappe 40 Kilometer und fast 1 000 Höhenmeter, wenn ich das Meer erreiche.
Von einer alten Dame bekomme ich zwei Äpfel geschenkt, die mich klein, sehr klein, machen. Und eine Gruppe junger Leute gibt mir Wasser. Die Mädels sehen aus, wie aus dem Flower-Power entsprungen. Ob sie was geraucht haben? Ich weiß es nicht. Spontan umarmen sie mich alle gleichzeitig und beginnen mit mir zu tanzen. Heute beginnt im Gehen so eine Art Rauschzustand für mich. Rausch trifft es nicht wirklich. Vielleicht ist Trance das bessere Wort. Allein heute bin ich so weit gekommen, habe so viel gesehen, alles zu Fuß, dass mein Gehirn es offenbar gar nicht mehr verarbeiten kann. Glücksgefühle durchströmen gerade meinen gesamten Körper. Ich fühle mich leicht wie ein Schmetterling und spüre unglaubliche Kräfte, die mich weiter und weiter tragen. Es geht an einer byzantinischen Quelle vorbei. Verlaufen, wieder zurück, wieder an den Mädels vorbei. „Hello, hi, good luck!“
Weiter geht es auf engen Fußpfaden über Lehm. Ich rieche es: Das Meer ist nicht mehr weit. Serpentine über Serpentine führt mich durch einen endlosen Dschungel in unglaublicher Landschaft. Noch eine Kurve, noch eine und dann – stehe ich hoch oben über der Mittelmeerküste. Tiefes Blau breitet sich vor meinen Augen aus. Zwei Wochen Fußmarsch haben mich an diesen Aussichtspunkt gebracht. Es ist schon kühl, später Nachmittag, leicht bewölkt. Hier möchte ich Pause machen, ein wenig essen.
Ich spüre einen tiefen Frieden in mir. Egal, was immer auch passiert, heute bin ich nicht mehr in Eile. Leider ist mein Handy-Akku leer, sonst würde ich jetzt meine Familie anrufen. Dasitzen und auf einem Stück Pitabrot herumknabbern tut gut. Ich habe es noch von Isfiya, von der arabischen Familie. Und ich habe noch das Lächeln vor meinen Augen, mit denen sie mir das Brot geschenkt haben. Nicht einfach so, sie haben mich an beiden Armen genommen und Glück gewünscht. Jetzt ist dieser glückliche Moment da, wo das kleine Brot für mich noch einmal eine ganz besondere Bedeutung gewinnt. Auch die ältere Dame, die mir die Äpfel geschenkt hat, werde ich in meinem Leben niemals mehr vergessen. Sie hat sich, weil sie auf meiner Hose unterschreiben wollte, vor mich hingekniet.
Wie weit ich hier in Israel kommen mag? Ich bin schon angekommen. Mehr kann man gar nicht sehen, nicht fühlen und nicht erleben. Langsam nähern sich aus der Ferne zwei junge Urlauber, die hier mit Schlappen den Berg zu mir heraufkommen. Beide sind sie so zwischen 18 und 20, dem Akzent nach Russen. Beide sind total erschöpft und fragen mich, wie weit es noch zur byzantinischen Quelle sei. Ich frage sie jedoch erst einmal, so wie alle anderen es mit mir gemacht haben: „Braucht ihr Wasser?“ Und beide setzen sich sofort hin und sagen: „Ja, bitte.“
Bald gehe ich wieder allein. Es war ein gutes Gefühl, helfen zu dürfen. Mein rechter Fuß macht mir Probleme. Er schmerzt extrem und ich beginne zu humpeln. Vom Meer her weht mir ein angenehm warmer Wind entgegen. Unter mir sehe ich grüne Felder, Wiesen, Landwirtschaft. Der Weg selbst führt mich auf einem scharfkantigen und felsigen Hochplateau parallel zur Küste. Der Ausblick ist einzigartig und sensationell.
Nach dem Abstieg geht es über die Schienen und an einem mit Schilf gesäumten Bachlauf zur Küste. Was mit dem Auto in wenigen Minuten zu bewerkstelligen wäre, fordert meine letzte Kraft und viel Zeit. Erst als es schon fast dunkel ist, erreiche ich den Strand. Es ist ein unwirkliches Bild, was sich mir als Wanderer hier bietet. Frisches Meerwasser rauscht über meine nackten Füße. Links und rechts ist der Strand kilometerweit völlig unverbaut. Neben mir befinden sich ein paar kleine Hütten. In einigem Abstand sehe ich ein paar Fischer und spielende Kinder, die von mir keine Notiz nehmen. Einen der Männer spreche ich dann doch an und frage, ob ich hier neben den Hütten übernachten darf. Er meint, dass es oben im Dorf eine Herberge gäbe, die er mir unbedingt persönlich empfehlen möchte. Ich gehe also einen knappen Kilometer zurück nach Jisr a-Zarka.
Darf man Vorurteile haben? Vorurteile sind manchmal nur eine Bezeichnung für das, was man auch als Bauchgefühl bezeichnen könnte. Und mein Bauchgefühl wird gerade mit jedem Meter hinein in dieses Dorf schlechter. Ich komme mir hier sehr fremd vor. Oder anders herum, die Menschen kommen mir hier sehr fremd vor. In Israel trifft man ja fast überall auf Europäer. Menschen, die auch so aussehen wie du und ich. Menschen, deren Mimik und Gestik sofort vertraut ist. Und es sind stille Menschen. Vornehm. Nicht aufdringlich. In Jisr a-Zarka bekomme ich ein total beklemmendes Gefühl. Das sind gar nicht die Menschen, die ich bisher gesehen habe. Hier fahren halbstarke Araber in getunten Autos herum. Sie sehen aus wie in der Bronx, machen einen auf bösen Rapper. Von tausend Augen werde ich beäugt. Werden sie mich überfallen? Mich berauben? Bei diesem Gedanken muss ich lachen, denn außer dem Foto meiner Familie habe ich nichts bei mir, was mir wirklich etwas bedeuten würde.
Schließlich komme ich gut an und stehe mitten an der Hauptkreuzung des kleinen Dörfchens vor Juha’s Guesthouse. Am Empfang sieht es sehr nett aus. Ahmad empfängt mich sehr höflich. Doch ich habe ja kein Geld. Um mir jegliche Zeit zu sparen unterbreche ich Ahmad’s begeisterte Präsentation über sein Guesthouse mit einem knappen „Sorry, I have no money“.
„No money…?“ hallt es nun aus den Lippen Ahmads und zeitgleich verstummen gut zehn junge arabische Burschen. Noch einmal lässt Ahmad sich „Noooo money“ auf den Lippen zergehen und dann fängt er lauthals an loszulachen.
„Hey man, I can give you reduce – but no money?“ Ahmad kennt es wohl nur zu gut, dass Pilger auch mal handeln möchten. Und Handeln entspricht ja durchaus der arabischen Mentalität. Aber dass hier einer von vornherein ein „Njet“ in die Runde wirft, findet er irgendwie frech und witzig. Schon höre ich von den Hinterbänken „Hey Ahmad, ich hab grad kein Geld, machst mir du Tee?“ Jetzt lachen wirklich alle. Ahmad möchte die Situation galant aus der Welt schaffen und meint zuvorkommend: „Kein Problem, wie nehmen auch Kreditkarten. Du kannst morgen bezahlen.“
Irgendwie scheint mir Gott gerade die richtige Eingebung zu geben. Er lässt mich sagen: „Danke Ahmad. Ich möchte dich um ein Glas Wasser bitten. Ich trinke es draußen, bevor ich gehe.“ Dann frage ich ihn, warum hier lauter Araber sind und ich frage auch, ob sein Guesthouse neu ist. Ohne eine Antwort abzuwarten, bedanke ich mich noch einmal, drehe mich um und gehe. Aber ich habe die Rechnung ohne Ahmad gemacht.
Von hinten zieht er meine Schulter zurück und sagt: „Weil Jisr a-Zarka ein arabisches Dorf ist.“ Ahmad deutet auf einen von den Jungen besetzte Stuhl und sagt zu mir: „Setz dich, bitte.“ Wie auf Geheiß stehen die vier jungen Burschen auf und überlassen uns den Tisch. „… und weil wir etwas tun müssen hier“, fährt Ahmad fort. „Etwas tun gegen die Vorurteile. Und etwas tun für die jungen Leute hier. Jisr a-Zarka heißt übersetzt: Die Brücke über den blauen Fluss. Sie soll uns in eine gute Zukunft führen. Und die müssen wir nun endlich in die Hand nehmen.“
„Warum bist du zurückgekommen?“ fragt Ahmad mich. Er hat es also mitbekommen, dass ich vom Strand zurückgekehrt bin. „Ich hatte ein wenig Angst“, sage ich ihm.
„Ja“, meint er, „So geht es vielen. Jisr a-Zarka war die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in Israel.“ „War!“ betont er noch einmal. „Wir wollen das ändern. Und wir haben schon viel geändert.“ Ahmad erzählt mir, dass noch nie einem Touristen hier etwas passiert sei. Ganz im Gegenteil sei es so, dass wirklich jeder auf der Straße von der Zukunft träume, von einer besseren Zukunft eben. Noch einmal fragt Ahmad mich irgendetwas, doch ich komme auf meine Frage zurück. Juha’s Guesthouse ist eines von vielen Projekten, die den Menschen hier eine Zukunft geben sollen. Sie soll Urlauber hierher bringen. Ahmad schwärmt von Bildung. Es sei der Schlüssel für den Frieden. Dann sind wir plötzlich beim Koran, bei der Bibel. Bei „guten“ und „bösen“ Palästinensern, bei vertanen Chancen, bei Träumen und Visionen und – bei einer Tasse Tee. Wie lange ich bleiben wolle, fragt mich Ahmad. (…)