Mit dem Rad durch Israel: 1230 Kilometer mit dem Fahrrad durch das Heilige Land

Nicht jeder möchte Israel zu Fuß durchwandern. Johannes Reichert hat Israel mit dem Fahrrad erlebt und darüber ein wunderbares Buch geschrieben. Weil sich immer mehr für das Radfahren in Israel interessieren passiert zur Zeit viel in Israel. Hier möchten wir Euch exklusiv ein ein wenig im Buch von Johannes lesen lassen und Euch für Israel und das Buch „Mit dem Rad durch Israel“ begeistern. Für das Buch vergeben wir 5 Sterne.

Johannes Reichert mit dem Rad auf dem Ölberg in Jerusalem

Johannes Reichert mit dem Rad auf dem Ölberg in Jerusalem

 

Mit dem Rad durch Israel:Reisevorbereitung 2013

Nach meinen beiden Radtouren, die mich nach Santiago de Compostela und Rom führten, ist nun Israel mit Jerusalem mein nächstes Ziel. Diese neue Reise sollte ursprünglich von Rom aus weiter durch Italien bis zu einem Seehafen gehen. Von dort aus wollte ich dann mit einem Handelsschiff weiter nach Haifa. Diesen Plan verwerfe ich aber schon bald wieder, denn die Fahrt mit einem Schiff wäre nicht wirklich günstig, ein einfacher Rückflug sehr teuer und von Israel selbst würde ich nicht viel sehen. Also plane ich um, finde einen Flug für 484 Euro mit der israelischen Fluggesellschaft El Al von Frankfurt nach Tel Aviv und zurück. Das Fahrrad wird pro Flug mit 54 Euro extra berechnet. Das ist ein guter Preis und ich werde viel mehr Zeit in Israel verbringen können. 2013 will ich durch den Norden des Landes radeln und anschließend 2014 den Süden bereisen, mit Jerusalem als Endziel.

Im November 2012 wird es dann ernst. Ich buche den Flug nach Tel Aviv. Wenn schon Israel, dann von Anfang an. Also fiel meine Wahl auf El Al, die israelische Fluggesellschaft mit dem Slogan: „It’s not just an Airline, it’s Israel“. Freunden und Verwandten verriet ich das Ziel meiner neuen Radtour erst einmal nicht. Viele verbinden mit Israel noch immer Gefahr, Anschläge, Terror und Krieg. Ich konnte ein gewisses Erstaunen in den Gesichtern sehen, als ich kurz vor Beginn der Reise Freunde und Bekannte in meine Pläne einweihte. „Ist das nicht gefährlich? Wieso gerade Israel? Dahin würde ich nicht fahren, mit dem Rad schon gar nicht“, waren nur einige der Reaktionen. Aber damit war zu rechnen. Ich jedenfalls habe keine Angst und freue mich sogar auf dieses neue große Abenteuer.

Johannes Reichert mit dem Fahrrad in Massada

Johannes Reichert mit dem Fahrrad in Massada

Dienstag, 30. April 2013

Mit dem Rad durch Israel: Shlomi – Netu’a

Gegen 7.00 Uhr bin ich der Erste im Frühstücksraum. Um nicht in die Hitze des Nachmittags zu geraten, möchte ich zeitig losfahren. Die junge Frau, die hier am Büfett arbeitet, stammt aus Finnland und hat Verwandte in Israel. Wie mir das Land gefalle, möchte sie wissen, und ob ich plane wiederzukommen. Bisher gefalle mir alles sehr gut, und für nächstes Jahr plane ich eine weitere Radtour in den Süden. Diese Antwort gefällt ihr. Ich esse etwas Obst und Salat und mache mich dann auf die für heute geplante Bergetappe durch die Wälder im Norden Galiläas. Dafür habe ich mir eine besondere Strecke ausgesucht. Dicht unterhalb der libanesischen Grenze verläuft die Straße Nr. 899 durch die Berge nach Osten in Richtung Safed (Zefat). Sie ist auf meiner Karte als besonders interessant gekennzeichnet.

Ich verlasse mein Zimmer, belade das Rad und trete durch das Tor hinaus in einen neuen Tag. Schon bald weist mir ein Schild den Weg zur Straße Nr. 8990. Warum 8990 und nicht 899? Dieser kleine Unterschied auf einem Verkehrsschild stört mich leider überhaupt nicht und so biege ich auf die 8990 ab. Am Ortsende wird diese dann schmaler und windet sich einen Berg hinauf. In der Annahme, die Bergtour beginne bereits hier, kommen mir auch keine Zweifel. Hätte ich jedoch die Karte genauer studiert, hätte ich festgestellt, dass die von mir favorisierte Straße Nr. 899 hinter Shlomi keine Kurven aufweist, sondern schnurstracks durch ein Tal führt. Aber so richtig wach bin ich scheinbar doch noch nicht, die Landschaft ist wunderschön, Wald umgibt mich und die Ausblicke auf die nahe Küste sind grandios. Zweifel, auf der falschen Straße zu sein, kommen mir nicht. Auch dann noch nicht, als Schilder auf ein militärisches Sperrgebiet links von mir hinweisen. Ein Armee-Jeep kommt mir entgegen, die uniformierten Insassen beachten mich aber nicht. Und immer weiter bergan. Vor der Infotafel des Naturschutzgebiets, in dem ich mich gerade befinde, halte ich an und beginne zu lesen. Und was sehen meine Augen? Die 899 verläuft unten im Tal und die 8990 als kleine Nebenstraße zieht sich zur libanesischen Grenze hin in die Berge. Jetzt erkenne ich meinen Fehler, kehre um, lasse das Rad den Berg wieder hinunterrollen und biege auf die richtige Straße ab. Und tatsächlich, einige Meter nach dem ersten Hinweisschild steht ein weiteres und das weist mir den Weg in die richtige Richtung. Innerlich bin ich erstaunlicher Weise immer noch ruhig, habe aber Bedenken, dass mir diese Stunde und die beim Anstieg verbrauchte Kraft später vor der Mittagshitze fehlen wird. Aber passiert ist passiert, da hilft kein Klagen. Aus Erfahrung wird man bekanntlich klüger, hoffentlich!

Mein Rad rollt jetzt auf der 899 durch einen hochgewachsenen Wald. Hier ist es schattig und nicht allzu heiß. Dann beginnt die Straße anzusteigen, die Bäume werden spärlicher und die pralle Sonne trifft mich. An steileren Abschnitten schiebe ich Rad samt Gepäck und versuche den Schatten einiger Bäume und Büsche auszunutzen. Es geht nun stetig bergan. Ich brauche mehr Wasser und kann dieses an einer Tankstelle in Form von drei 1,5 Liter Flachen zukaufen. Damit befülle ich die beiden Flaschen am Rad, plus die beiden im Rucksack, und schnalle die dritte Flache als Reserve auf den Gepäckträger. Nun ist ausreichend Wasser an Bord. Die Temperatur steigt auf 30 Grad. Mein Weg führt weiter bergan, fällt hin und wieder ab, um dann aber sofort wieder anzusteigen. Um mich herum erstrecken sich ausgedehnte grüne Wälder und hohe Berge. Eine große Stille umgibt mich. In dieser Einsamkeit kann man ruhig vor sich hindenken. Nur wenige zivile Fahrzeuge sind hier unterwegs, dafür aber zahlreiche Militär-Jeeps und andere Armeefahrzeuge mit aufgesetzten Maschinengewehren. Die Grenze ist nah! Für mich interessiert sich aber erstaunlicherweise niemand, keines der Fahrzeuge hält an, keiner fragt mich, warum ich gerade hier Rad fahre. Angst habe ich nicht, dafür ist die Grenze zu nahe und was sagten mir die Menschen in Shlomi: „Die schießen weit über uns hinweg“.

Auf der Höhe des Moschaw „Even Menakem“ biege ich von der Straße ab, fahre durch ein offenes Tor in die Ansiedlung hinein und mache es mir auf der ersten Bank unter einem schattigen Baum gemütlich. Der Rucksack mit dem weichen Schlafsack dient mir dabei als Kopfkissen. Schön ist das, sich im Schatten eines Baumes in der Sicherheit eines Moschaws ausruhen zu können. Ein Moschaw ist eine genossenschaftlich organisierte, ländliche Siedlungsform in Israel, deren Güter sich sowohl in Kollektiv- wie auch in Privateigentum befinden. Der Moschaw ist die jüngste und häufigste Form israelischer Dörfer. Heute gibt es rund 380 Moschawim, in denen knapp 142 000 Menschen leben und arbeiten.

Nach einer erholsamen Pause radle ich durch die Siedlung und werde von ein paar Bewohnern auf Hebräisch angesprochen. Sie bieten mir Wasser an, soviel kann ich erraten. Etwas Englisch können sie dann auch. Ich habe aber genug Wasser an Bord und frage nach dem Dorfladen, denn ich bräuchte etwas Essbares. Sie zeigen mir den Weg, ich finde den Laden, muss aber leider feststellen, dass dieser über Mittag geschlossen ist. Das weiche Gras vor dem kleinen Häuschen bietet sich jetzt ideal für eine weitere Siesta an. Nach einer guten Stunde würde ich gerne weiterfahren, der Laden ist jedoch noch immer geschlossen. So steige ich ohne Lebensmittel wieder auf und setze meine Reise fort. Kurz darauf führt die Straße weit hinunter in ein Tal, um dann auf der anderen Seite wieder kräftig anzusteigen. Bei der jetzt vorherrschenden Hitze ist dies ziemlich schweißtreibend. Während ich Rad und Gepäck mühsam nach oben schiebe, kommt mir ein weiteres Militärfahrzeug mit einem MG-Schützen entgegen. Und wieder beachtet mich keiner, ein Radfahrer scheint hier niemanden zu stören.

Zu meiner Linken taucht nun etwas oberhalb der Straße der Moschaw Netu’a auf, laut meiner Karte die letzte Siedlung vor Sasa am Ende der 899. Bis dorthin ist es aber noch weit, und wer weiß, wie viele Anstiege dazwischen noch zu überwinden sind. Ich will nichts riskieren und entscheide daher, in Netu’a eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Der Hinweis am Ortseingang, der ein Haus mit einem Bett zeigt, verrät, dass es hier Schlafplätze geben müsste. Wie alle Siedlungen hier oben in den Bergen, so nahe an der Grenze, ist auch Netu’a komplett eingezäunt. Ich passiere das offene Tor, im Wachhäuschen rührt sich nichts, und lenke mein Rad durch den Ort. Vor einem Haus steht ein Mann, den ich nach einem „Zimmer“ frage. So nennen die Israelis in Galiläa Ferienwohnungen. Er nickt und verweist mich an ein Haus gleich um die Ecke. Dort gebe es ein „Zimmer“, gibt er mir zu verstehen. Da will ich doch gleich einmal nachfragen. Ich stelle das Rad ab, laufe durch einen blühenden Vorgarten und läute am Haus. Eine ältere Frau öffnet, sieht mich etwas verwundert an, spricht nur gebrochen Englisch, versteht aber ziemlich schnell, was ich will, holt einen Schlüssel und führt mich zu einer Holzhütte im Garten. Von außen sieht die nicht besonders einladend aus, im Inneren ist aber alles sauber und geschmackvoll eingerichtet. Es gibt ein Wohnzimmer, eine Küche und einen Schlafraum. Der Preis für eine Übernachtung wäre 500 Schekel (131 Euro). Das ist mir zu viel! Wenn das so weitergeht, bin ich schon nach einer Woche pleite! Eigentlich bräuchte ich nur einen Platz zum Schlafen, versuche ich ihr zu erklären. Sie möchte aber immer noch 500 Schekel, was ich jedoch nicht bezahlen will. Sie reduziert den Preis auf 400 Schekel, was mir aber immer noch zu viel ist. Ich möchte 200 Schekel bezahlen, und zwar nur für ein Bett zum Schlafen. Doch sie geht nicht unter 400 Schekel. Also verabschiede ich mich und ziehe weiter.

Nun gilt es die Unterkunft zu finden, auf die das Schild neben der Straße hinweist. Am Rande der Ortschaft treffe ich auf eine äußerst komfortable Ferienhaussiedlung. Eine Rezeption ist aber leider nirgends zu finden. Also fahre ich einfach mal ein Stück in die Anlage hinein und treffe auf eine Frau, die gerade mit ihrem Handy telefoniert. Ich erkundige mich nach der Rezeption und sie will wissen warum. Ich beantworte ihr diese Frage, sie denkt nach und meint, ich solle ihrem Wagen folgen, sie würde mich zu einer Unterkunft bringen. Ich folge also ihrem Auto so schnell mir dies Rad und Gepäck erlauben. Sie fährt in die Siedlung und ich bitte innerlich, dass sie nicht vor dem Haus anhalten möge, nach dessen Zimmer ich bereits gefragt habe. Gott sei Dank! Sie fährt daran vorbei und hält vor einem anderen Haus. Dort gebe es ein Zimmer, erklärt sie mir. Ich nutze die Gelegenheit und frage sie einfach mal, wie viel eigentlich so ein Zimmer hier kosten dürfte. „Na so um die 400 Schekel (105 Euro) müssen Sie für eine Übernachtung schon rechnen,“ erwidert sie und mir wird Angst und Bange. „Wirklich so viel“ erwidere ich. „Ja“, sagt sie, „ein Ferienhaus in der Anlage kostet 1600 Schekel (420 Euro) die Nacht“, bemerkt sie dann noch und mir wird heiß. Ich gehe pleite, wenn das so weitergeht!

Vor dem besagten Haus steht ein Mann und blickt zu mir herüber. Ich gehe auf ihn zu und frage auf Englisch nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Dies sollte, wenn möglich, nur ein kleines Zimmer sein, und keine ganze Ferienwohnung. Er nickt. Wie viel ein solches Zimmer bei ihm denn kosten würde, frage ich leicht nervös. 200 Schekel sagt er nach einer kurzen Pause. Hat er gerade 200 Schekel gesagt? Habe ich da richtig gehört? Genau mein Preis! Ich gehe doch nicht pleite. Der Mann führt mich durch den Garten, öffnet die Tür zu einer Ferienwohnung und führt mich herum. Es gibt ein schönes Bad, eine Küche, ein Wohnzimmer, einen Jacuzzi (Indoor Whirlpool), zwei Schlafzimmer und einen kleinen Raum mit zwei Liegen. Hier könne ich schlafen, sagt er, aber für 200 Schekel ist der Jacuzzi tabu, schärft er mir ein. Ist doch klar, das habe ich auch nicht erwartet. „Gibt es hier im Ort die Möglichkeit, etwas Essbares zu kaufen?“ will ich wissen. „Leider nicht“, sagt er, „hier gibt es kein Lebensmittelgeschäft“. Aber, fügt er dann hinzu, er werde mir frische Eier und etwas Brot geben, das werde sicher reichen. Und tatsächlich bringt er mir kurz darauf vier frische Eier aus seinem Hühnerstall und drei keine Fladenbrote. Drüben in der Küche könne ich mir daraus ein Omelett machen, sagt er, Geschirr sei vorhanden. Was für eine Gastfreundschaft in diesem abgelegenen Ort im Grenzgebiet zum Libanon! Die Bewohner hier draußen müssen eben zusammenhalten, davon profitiert dann auch mal ein fremder Radfahrer wie ich.

Fahradfahren in Israel: Ein Blick auf den See Genetzareth

Fahradfahren in Israel: Ein Blick auf den See Genetzareth

Das Omelett schmeckt vorzüglich auf der kleinen Terrasse vor meinem heutigen Domizil und es ist warm und ruhig. Gerne hätte ich mich noch etwas ausgiebiger mit meinem Gastgeber unterhalten, aber sein Englisch ist nicht sehr gut und so kommt er leider nicht mehr zu einem Schwätzchen in den Garten. Ich laufe demonstrativ umher, doch niemand erscheint. Also unternehme ich einen Abendspaziergang durch den Moschaw. Viele Menschen sind hier nicht unterwegs, aber aus den Gärten dringen Stimmen. Neben den meisten Häusern stehen Hühnerställe, die Hauptprodukte scheinen hier Geflügel und Eier zu sein. Auf einmal flitzt ein großer Hund aus einem der Gärten zu mir heraus. Der Besitzer arbeitet gerade in seinen Beeten, ruft ihn zurück, doch der Hund hat sich entschieden, mich ein Stück zu begleiten. Also schlendere ich weiter an Häusern, Gärten und Hühnerställen vorbei, den Hund immer an meiner Seite. Einige Bewohner kommen mir entgegen, kennen den Hund (aber nicht mich), grüßen und gehen ihrer Wege. Dann gesellt sich ein weiterer Hund zu uns, auch er hat sich entschieden, mir zu folgen. Mögen die mich? oder bin ich hier vielleicht seit langem wieder einmal einer, der anders riecht? Keine Ahnung! Mit nunmehr zwei Hunden im Schlepptau spaziere ich weiter. Wann gehen die eigentlich wieder nach Hause? Beide Tiere begleiten mich bis vor meine Wohnungstür. Schnell schlüpfe ich hinein und schließe diese wieder hinter mir. So, jetzt ist Schluss! Geht endlich nach Hause, denn ich würde gerne den Rest des Abends ohne Hunde verbringen. Beide Tiere sitzen noch eine Weile im Garten, ziehen irgendwann ab und ich kann auf der Terrasse meinen zweiten Sonnenuntergang in Israel erleben. Nach Einbruch der Dunkelheit breite ich meinen Schlafsack aus und schlüpfe hinein. Nachts wird es hier oben in den Bergen doch empfindlich kalt, da bin ich froh, einen warmen Schlafsack zu haben. Die Nacht ist ruhig und ich habe eine Menge Schlaf nachzuholen.

Gedanken des Tages:

Langsam beginnt sich mein Lebensrhythmus wieder zu entschleunigen

Ist diese Hitze gegen Ende April eigentlich normal hier?

Die Straße Nr. 899 im Norden Galiläas will bezwungen werden

Tagesleistung: 32 Kilometer

Privatzimmer im Moschaw Netu’a, 200 Schekel = 52 Euro (Kurs: 3,81 Schekel/1 Euro)

Bike in den Bergen Galliläas

Dienstag, 07. Mai 2013

Mit dem Rad durch Israel: Tiberias – Nazareth

Ich verlasse nun die Lande um den „Yam Kinneret“, wie die Israelis den See Genezareth nennen. Fünf Tage war ich nun in dieser biblischen Gegend und konnte viele Eindrücke sammeln. Auch heute Morgen breche ich wieder zeitig auf. Der Himmel ist bewölkt, es ist aber trotzdem bereits warm. In der Stadt werfe ich noch schnell ein paar Postkarten ein. Aus Sicherheitsgründen sind die Schlitze der Briefkästen sehr schmal und ich muss jede Karte einzeln einwerfen. Sicherheit wird in Israel eben überall großgeschrieben. Dann biege ich auf die Straße Nr. 77 in Richtung Haifa ab, der ich bis zur Abzweigung nach Kafr Kana folgen werde.

Um die Senke des See Genezareth zu verlassen, muss ich mich bis auf Meeresspiegelniveau rund 200 Höhenmeter nach oben bewegen. Ich schiebe Rad samt Gepäck immer weiter bergan, Tiberias zieht sich ganz schön nach oben. Zum Glück ist der Himmel bewölkt und die Sonne brennt noch nicht herab. Langsam, aber sicher, gelange ich nach oben. Ein Schild markiert das Niveau des Meeresspiegels. Der Blick hinunter auf den See lässt mich erstaunen. Was für eine Höhe! Sollte das Meer einmal bis hierher durchbrechen, würde all das vor mir volllaufen. Unvorstellbar! Die Straße Nr. 77 weitet sich jetzt zu einer vierspurigen Schnellstraße, an deren rechtem Rand aber ausreichend Platz für Radfahrer vorhanden ist, und das gibt Sicherheit. Der Verkehr hält sich in Grenzen und ich kann ziemlich entspannt dahingleiten. Kleine Steigungen lassen sich mühelos überwinden. Um mich herum erstrecken sich jetzt Felder, die zum Teil bereits abgeerntet sind. An einer Tankstelle nahe Tur’an will ich meinen Wasservorrat aufstocken. Ein Kleinwagen hält dort ebenfalls, der uniformierte Fahrer nimmt ein Schnellfeuergewehr vom Rücksitz, geht damit in das Tankstellengebäude, kehrt kurz darauf zurück, legt die Waffe wieder in den Wagen und fährt davon. Daran muss man sich erst gewöhnen. In diesem Land sind viel mehr bewaffnete Menschen zu sehen als anderswo. Aber Israel befindet sich ja mit einigen Nachbarländern offiziell noch immer in einer Art Kriegszustand.

Ich erreiche jetzt ein Gebiet, in dem überwiegend israelische Araber leben. Diese haben im Gegensatz zu den Palästinensern der Westbank die israelische Staatsangehörigkeit. Nazareth ist die größte arabische Stadt im israelischen Kernland. Etwas Angst habe ich schon, das muss ich ganz ehrlich gestehen. Wie werden mir diese Menschen begegnen? Werden sie freundlich sein? gleichgültig oder abweisend? Ich werde es herausfinden.

Bei Kana (Kafr Kanna) biege ich von der Straße Nr. 77 auf die 754 ab, gelange in den Ort, habe keinen Plan und Hinweisschilder sind auch keine zu sehen. In Kana soll Jesus sein erstes Wunder vollbracht und auf einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt haben. Da wird es sicher eine Kirche über der historischen Stelle geben, denke ich, finde aber keine Hinweise. Kafr Kanna liegt rund sieben Kilometer nordöstlich von Nazaret. Im Neuen Testament gilt Kana (auch Kanaa) als Schauplatz der Hochzeit zu Kana. Nach der biblischen Darstellung wirkte Jesus hier sein erstes Wunder, indem er Wasser in Wein verwandelte. Die sogenannte „Hochzeitskirche“ steht an der Stelle, an der das Wunder stattgefunden haben soll. Sie wurde 1883 auf dem Gelände einer verfallenen Moschee errichtet, unter deren Boden man das Mosaik einer Synagoge fand.

So durchquere ich den Ort auf der Hauptstraße und fahre weiter in Richtung Nazareth. Nach Kana steigt die Straße an. Das war in diesem bergigen Gelände auch nicht anders zu erwarten. Die Sonne durchbricht die spärlichen Wolken, beginnt zu brennen und der Anstieg erfordert viel Kraft. Auf die anschließende Abfahrt nach Reina folgt leider gleich wieder der Anstieg nach Nazareth. Langsam, Schritt für Schritt, und in Gedanken versunken, überwinde ich diese natürlichen Hindernisse. Rechts von mir tauchen jetzt die ersten Häuser von Nazareth auf. Nazareth ist heute die Stadt in Israel mit der größten Gemeinschaft israelischer Araber. Zusammen mit Nazrat-Illit (Ober-Nazareth) kommen beide Städte auf etwa 120 000 Einwohner (Nazrat-Illit 55 000 und Nazareth 65 000). Während Nazareth eine sehr alte Stadt ist und von Moslems und Christen bewohnt wird, ist Nazrat-Illit eine sehr junge, von Juden bewohnte Stadt. Nazareth gilt als Heimatort und Vaterstadt des Jesus von Nazareth. Hier soll der Erzengel Gabriel Maria die Geburt des künftigen Erlösers angekündigt haben. Nach den Evangelien wuchs Jesus in Nazareth auf und wird daher auch als „Nazarener“ bezeichnet. Mir wird bewusst, wo ich mich gerade befinde. Ich bin auf dem Weg in die Stadt, in der Jesus die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat. Man mag über ihn denken was man will, dass er gelebt hat und gerade hier aufwuchs, ist sicher wahr. Ob er nun Gottes Sohn war oder ein ganz besonderer Mensch, das mag jeder glauben wie er möchte.

Der Ortseingang von Nazareth liegt ganz oben auf dem Bergrücken. Ein Lebensmittelgeschäft am rechten Straßenrand lädt zu einer Pause ein und ich belohne mich mit einem Getränk. Herrlich, wie sich die Mundhöhle mit der kalten Flüssigkeit füllt, kühlt und den riesigen Durst einfach wegspült. Der Anstieg nach Nazareth ist geschafft. Ab jetzt halte ich nach Hinweisen auf mögliche Unterkünfte Ausschau, folge der Straße in Richtung Zentrum und lasse das Rad auf der anderen Seite der Anhöhe wieder nach unten rollen, der Altstadt entgegen. Verglichen mit jüdischen Siedlungen, sieht dieser Ort nun ganz anders aus. Werde ich mich in diesem Gewusel zurechtfinden? Autos hupen vor, hinter und neben mir, und quetschen sich durch verstopfte Straßen. Ich gleite in diesem Durcheinander auf dem Rad einfach mit. Und immer noch keine Hinweise auf Hotels oder Hostels. Meine Zweifel werden größer. Was werde ich tun, wenn ich hier keine Übernachtungsmöglichkeit finde? Wohin werde ich dann gehen? Die Moral darf jetzt nicht in den Keller rauschen und so mache ich mir Mut. Gerade in der Heimatstadt Jesu sollte ich vertrauen und nicht so viel zweifeln. Also konzentriere ich mich auf die vielen Schilder, die mich sicher schon irgendwo hinführen werden. Und genau das tun sie auch. Plötzlich taucht das „Tourist Office“ vor mir auf, genau was ich jetzt brauche. Ich steige ab und trete ein. Eine freundliche Frau überreicht mir als erstes einen detaillierten Stadtplan und beschreibt mir den Weg zu einer nahen Herberge. Nun klappt die Orientierung und die besagte Unterkunft liegt nur ein paar Straßen entfernt. Volltreffer! Guten Mutes schiebe ich mein Rad durch eine dichte Menschenmenge zur Verkündigungsbasilika, dem größten Kirchenbau im Nahen Osten. Etwas oberhalb beginnt der Basar (Suk) mit seinen engen Gassen, Händlern und buntem Treiben. Gleich gegenüber dem imposanten Kirchenbau soll es in einem Kloster Betten für Pilger geben. Ich läute am Tor, mir wird geöffnet, der Pilgerausweis abgestempelt und ich in einen Schlafsaal im Keller geführt. Dort stehen sechs Betten in einem Zimmer und weitere zehn in einem zweiten Raum. Nur ein Bett ist bereits belegt, alle anderen sind noch frei. Alles ist sehr sauber und auf den Betten liegen feinsäuberlich Decken und frische Handtücher. Somit habe ich auch für diese Nacht in Nazareth eine schöne, saubere und sichere Unterkunft gefunden. Warum habe ich vorhin eigentlich so gezweifelt?

Da ich länger als nur eine Nacht in Nazareth verweilen möchte, frage ich gleich mal nach, ob dies hier möglich wäre. Die Frau am Eingang kann das aber leider nicht selbst entscheiden, und derjenige, der das könne, komme erst im Laufe des Nachmittags zurück. Ich dusche, ziehe mich um und mache mich dann zu Fuß auf eine Erkundungstour. Als erstes gehe ich in die Verkündigungsbasilika. Sie steht über jener Höhle in Nazareth, in der der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschienen sein soll. Der traditionelle Ort der Verkündigung befindet sich in der Unterkirche. Wahrscheinlich stand hier schon seit dem 4. Jahrhundert ein Kirchenbau. 1620 erwarben die Franziskaner die Ruinen der Kreuzfahrerkathedrale und der Grotte. 1730 wurde eine Kirche errichtet, die 1877 vergrößert und 1955 durch einen Neubau ersetzt wurde. Dieser gilt als der größte christliche Sakralraum im Nahen Osten. Die neue Verkündigungsbasilika wurde 1964 von Papst Paul VI. gesegnet und 1969 geweiht.

Dort werde ich aber schon am Tor abgefangen, da meine Hose zu kurz und das Knie nicht bedeckt ist. Erinnerungen an Rom werden wach. Dem könne aber abgeholfen werden. Ich solle mir im Kirchenbüro gleich nebenan eine Art Schürze geben lassen, die meine Knie bedecken wird. Das mache ich, binde mir ein solches Kleidungsstück um und darf nun die Kirche betreten. Das Gotteshaus besteht aus einer Unter- und einer Oberkirche. Unten ist es ziemlich dunkel, oben dagegen hell und Pilgergruppen aus der ganzen Welt feiern dort Messen oder Andachten in verschiedenen Sprachen. Das Gegenstück zur katholischen Verkündigungsbasilika ist die griechisch-orthodoxe Gabrielskirche, die über dem antiken Brunnen errichtet wurde. Hier soll sich die erste Erscheinung des Engels ereignet haben, da die Jungfrau Maria den Gruß des Engels beim Wasserholen vernommen haben soll.

 

Anschließend besuche ich die Josefskirche, unter der sich die Schreinerwerkstatt Josefs befunden haben soll. Ein Schild an der Kirchenwand weist darauf hin, dass hier aber auch das Wohnhaus Josefs gestanden haben könnte. Unter der Kirche sind Mauerreste und Mosaike im Fußboden aus vergangener Zeit zu bewundern. Diese zu sehen und sich vorzustellen, dass die Menschen damals über diese Böden, über diese alten Mosaike, gelaufen sind, ist sehr beeindruckend. Unter der Josefskirche soll sich die Schreinerwerkstatt des biblischen Josef befunden haben. Auf den Fundamenten aus der Kreuzfahrerzeit wurde 1914 eine Kirche errichtet. Interessant ist die Grotte unter dem Kirchenbau, die damals der Heiligen Familie als Wohnung gedient haben soll.

Nach den Kirchenbesuchen laufe ich zum Eingang des Suk und tauche ein in die quirlige Welt eines arabischen Basars. Eng ist es hier, bunt und lebhaft. Viele Waren werden angeboten, Menschen lachen, feilschen, kaufen oder verkaufen. Alles ist neu und aufregend. Ich schlendere durch die engen Gassen und stehe plötzlich vor einem grünen Hinweisschild. „Fauzi Azar Inn“ steht darauf geschrieben und ein Pfeil weist den Weg. Dieses Hostel erwähnt auch mein Reiseführer. Es soll in einer wunderschönen arabischen Villa im Herzen der Altstadt untergebracht sein. Eine Straße wurde aber nirgends genannt und so dachte ich, diese Unterkunft wohl nie finden zu können. Jetzt aber prangt dieser Hinweis direkt vor meiner Nase und ich folge ihm. Es geht mal nach links, durch enge Gassen, mal nach rechts, über Plätze, und wieder gerade aus. Irgendwann stehe ich dann in einer Seitengasse vor einer niedrigen, fast unscheinbar wirkenden grünen Tür. Das soll es sein? Hinter diesem fast schäbigen Eingang soll sich das Fauzi Azar Inn verbergen? Ich zweifele ja schon wieder! Dann öffne ich dieses Tor und trete ein. Was mir nun begegnet, ist der Wahnsinn – ein Paradies! Vor mir liegt ein Innenhof mit Pflanzen, einem Brunnen mit kühlem, plätscherndem Wasser in einer Nische der Wand, Stühle und Tische unter schattigem Grün und eine Steintreppe, die nach oben führt. Diese Treppe steige ich empor und komme in einen großen hellen Raum, mit Marmorfließen und hohen Fenstern, die den Blick über die Dächer der Altstadt freigeben. Auch hier beleben Pflanzen den Raum. Ich bin begeistert! Hier oben befindet sich auch die Rezeption, an der ich gleich mal nachfrage, ob noch Betten frei sind. Dies wird mir sogleich bestätigt. Was sie wohl kosten würden? 100 Schekel (26 Euro) mit Frühstück im Sechsbettzimmer und 90 Schekel (24 Euro) im Zehnbettzimmer. Die beiden Sechsbettzimmer liegen im Obergeschoß, das Zehnbettzimmer darunter.

Zurück in meiner aktuellen Herberge, ist dort leider immer noch nicht bekannt, ob ich eine weitere Nacht bleiben könne oder nicht. Um 18 Uhr wüsste man mehr. Nach einem weiteren Spaziergang wird dieser Termin auf 19 Uhr verschoben. Danach vielleicht auf 20 Uhr, denke ich mir und befürchte, dass dann im Fauzi Azar kein freies Bett mehr zu haben wäre. Warum also weiter warten! Kurz entschlossen laufe ich durch die romantischen Gassen zum Fauzi Azar Inn zurück und buche mir dort ein Bett in einem der Sechsbettzimmer für zwei Nächte von Mittwoch bis Freitag. Das klappt und somit ist dieses Problem gelöst. 100 Schekel pro Nacht in Nazareth ist auch für mein Budget gerade richtig. Ich bin hochzufrieden. Alles hat wieder einmal wunderbar geklappt, perfekter hätte es eigentlich nicht laufen können. Ich sollte wirklich weniger zweifeln.

Langsam wird es dunkel, aber ich habe keine Angst durch die Gassen zu laufen. Die Händler beginnen ihre Läden zu schließen, ein paar Kinder rennen noch herum und spielen, langsam kehrt Ruhe ein. Über allem ertönt nun die Stimme des Muezzin, der zum Abendgebet ruft. Für europäische Ohren mag das etwas sonderbar klingen, zu dieser arabischen Stadt gehört das aber dazu, wie Kirchenglocken zu einem bayerischen Dorf.

In der aktuellen Herberge erfahre ich nun, dass ich, wenn ich wolle, eine weitere Nacht bleiben könne. Diese Entscheidung komme jetzt aber leider zu spät, da ich mich bereits für ein anderes Hostel entschieden habe, erkläre ich der guten Frau, bedanke mich aber trotzdem für das Angebot. Dann setze ich mich auf eine Bank im Innenhof des Klosters und verspeise alle Reste, die sich in meinen Taschen finden lassen. Und da kommt einiges zusammen. Mit der Dunkelheit wird es hier oben in den Bergen doch relativ kühl. Die Hitze der Senke um den See Genezareth liegt nun hinter mir. Müde suche ich mein Bett auf, schlüpfe in den warmen Schlafsack und bin schon bald eingeschlafen. Mit mir nächtigt heute nur eine weitere Person. Die kommt später und weckt mich leider wieder auf. Danach ist aber wirklich Nachtruhe und keine Musik stört hier bis in die frühen Morgenstunden.

Gedanken des Tages:

Ich bin jetzt in der Stadt, in der Jesus die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat

Wie sah das wohl alles vor 2000 Jahren aus? Stand genau hier ein Wohnhaus?

Warum hatte ich Angst vor Nazareth? Die Menschen sind auch hier friedlich und freundlich

Tagesleistung: 34 Kilometer

Herberge „Nazareth Sisters Convent“ 75 Schekel = 20 Euro (Kurs: 3,81 Schekel/1 Euro)

 

Ein Israelisches Abendessen im Hostel am Toten Meer

Dienstag, 14. Mai 2013

Rückreise von Tel Aviv nach Schweinfurt

Nach Mitternacht ist es dann Zeit, den richtigen Zug zu finden. Ich orientiere mich dabei an den Hinweisen und finde den Bahnsteig für den Zug um 0.41 Uhr nach Be’er Sheva via Ben- Gurion-Flughafen. Hier steht bereits ein Zug. Ob er aber der ist, den ich suche, ist nicht wirklich zu erkennen. Ich frage einen der wenigen Reisenden auf dem Bahnsteig. Der ist sich aber nicht wirklich sicher und meint „kann sein, vielleicht aber auch nicht“. Das bringt mich also nicht weiter. Da sollte man doch lieber nicht einsteigen, bis Genaueres bekannt wird. Ich frage noch ein paar Reisende und erhalte Antworten von: „Ja, das ist der richtige Zug“, über „kann sein“ bis hin zu „nein, dieser Zug fährt nicht nach Be’er Sheva“. Gegen 0.30 Uhr wirft die Diesellok ihren Motor an und ein paar Fahrgäste steigen ein. Nun erscheint auch ein Hinweis auf der Anzeigetafel, zuerst in hebräischer Schrift, dann zum Glück auch in lateinischen Buchstaben. Be’er Sheva wird jetzt deutlich angezeigt. Also ist das doch der richtige Zug. Ich stelle nun lieber keine Fragen mehr, um am Ende nicht ganz verwirrt zu werden, steige ein, platziere mein Rad im dafür vorgesehenen Abteil und setze mich hin. Etwas nervös bin ich ehrlich gesagt schon, denn wenn das hier doch der falsche Zug sein sollte und ich mit ihm nun irgendwohin in die Wüste fahre, dann würde mein Flieger um 6 Uhr ohne mich starten und ich hätte ein großes Problem! Der Zug fährt pünktlich ab und die Lichter von Hochhäusern, Leuchtreklamen und Straßenlaternen begleiten uns. Nach etwa 15 Minuten erreichen wir den Flughafen, der Zug hält und ich steige aus.

Über eine Rolltreppe, auf der auch mein Fahrrad ausreichend Platz findet, geht es nach oben in die Abflughalle. Ich hatte das Rad vorhin im Bahnhof bereits teilweise reisefertig gemacht, will heißen, die Pedale abgeschraubt, den Lenker quergestellt und die Hörnchen nach unten gebogen. So schiebe ich mein Rad nun durch die Abflughalle, vorbei an vielen Reisenden, die mir erstaunt nachblicken. Weit und breit bin ich nämlich der einzige, der hier mit einem Fahrrad auftaucht. Nun reihe ich mich mit der Satteltasche in der einen Hand, dem Rad an der anderen und dem Rucksack auf dem Buckel in die zum Glück nicht allzu lange Schlange der Wartenden vor der Personenkontrolle. Nun findet bestimmt die strenge Sicherheitsbefragung bei der Ausreise statt, von der ich bereits viel gelesen habe! Aber ich bin vorbereitet, will meine verschiedenen Stempel im Pilgerausweis präsentieren und auf der Karte meine Route erklären. Doch dann kommt alles ganz anders. Als ich an die Reihe komme, mustert der Beamte meinen Pass, fragt, ob ich das Rad jemandem ausgeliehen hätte, was ich wahrheitsgemäß verneine, und ob ich mein Gepäck selbst gepackt hätte, was ich bejahe. Dann wirft er noch einmal einen Blick auf mein Rad und erklärt, dass ich damit zum Sondergepäckschalter gehen müsse, zeigt mir den Weg dorthin und schon bin ich durch! Wieder keine Befragung! Und ich hätte doch so gerne meine Route erklärt. Na ja, vielleicht interessiert das im nächsten Jahr wenigstens einen der Sicherheitsbeamten, oder auch nicht. Jedenfalls bin ich jetzt durch die Personenkontrolle, lege mein Gepäck noch schnell auf den Scanner, bekomme es zurück und laufe hinüber zum Sondergepäckschalter. Einen Karton für das Fahrrad habe ich leider nicht mehr. Der wurde vor zwei Wochen bei der Ankunft entsorgt und zu kaufen gibt es hier am Ben-Gurion-Flughafen auch keinen, das jedenfalls erklärt mir jetzt eine freundliche Mitarbeiterin der Fluggesellschaft. Also muss ich das Rad unverpackt abgeben. Dazu ist das Vorderrad auszubauen, am Rahmen zu befestigen und die Luft aus beiden Reifen herauszulassen. Das Rad erregt dann doch mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb ist. Der Pilot unserer Maschine erscheint, wirft einen prüfenden Blick auf mein Verpackungskunstwerk und meint, ich müsse die vordere Gabel noch etwas umwickeln, die Ecken und Kanten seien zu scharf. Eine Flugbegleiterin bringt mir das nötige Material und ich tue, wie mir geraten. Dann ist das Rad endlich klar zur Gepäckaufgabe. Ich zahle erneut 54 Euro und darf nun mein Gefährt auf einen Gepäckwagen stellen. Good-bye mein treues Pferdchen, hoffentlich werden wir uns in Frankfurt ohne große Schäden wiedersehen!

Bleibt nur noch der Rucksack auf dem Buckel, der geht als Handgepäck mit. Müde laufe ich in die große Abflughalle und setze mich irgendwo hin. Verglichen mit der Ankunft vor zwei Wochen ist jetzt viel mehr los. Mein Magen meldet sich und ich kaufe mir ein belegtes Brötchen. Dann kommt mir die Idee, im Duty-Free-Shop eine Flasche israelischen Wein zu kaufen. Dort herrscht aber ein noch größeres Gedränge. Etwas mehr als 200 Schekel sind mir noch geblieben, die könnten jetzt investiert werden. Ziemlich müde wie ich bin, betrachte ich die Preise nur oberflächlich und wähle eine Flasche in einer schönen Holzkiste für 59. Da Schekel hier die Landeswährung ist, nehme ich an, der Preis sei in dieser Währung. Als ich an der Kasse dann endlich an die Reihe komme, halte ich der Kassiererin einen 100 Schekel Schein vor die Nase. Die sieht mich mehr als verwundert an und meint, der Preis betrage 59 US-Dollar, und das seien um die 200 Schekel. Das ist mir für eine Flasche Wein dann doch zu viel und so lasse ich dieses Geschäft sausen. Dass die Preise in US-Dollar angegeben sind, hätte ich eigentlich sehen müssen. Aber ich bin todmüde und bevor ich jetzt noch mehr Mist baue, gehe ich lieber zum Flugsteig, setzte mich hin und bin schon halb eingeschlafen, bevor ich noch den Stuhl berühre! Jetzt mache ich nichts mehr und warte nur noch auf den Aufruf meines Fluges. Dieser folgt dann gegen 5.30 Uhr und wir steigen ein. Und wieder darf ich an einem Fenster Platz nehmen. So werde ich zumindest bei schönem Wetter etwas von der Landschaft, die wir überfliegen werden, sehen können. Zu dieser frühen Stunde würde der Flieger nicht voll sein – dachte ich. Doch weit gefehlt! Kein Platz ist mehr frei.

6 Uhr israelische Zeit, wir sind angeschnallt, der Pilot spricht vom baldigen Abflug, dann rollt unser Vogel zur Startbahn. Es ist ein sonniger Morgen, meine letzten Minuten auf israelischem Boden. Etwas schwermütig wird mir nun doch ums Herz. Nach zwei Wochen auf den Straßen im Norden dieses Landes sind mir seine Menschen, Landschaften, Gerüche und Wärme vertraut geworden. Laut, heiß, manchmal etwas schmutzig, aber doch so freundlich und liebenswert. In einem Jahr werde ich wiederkommen und hier noch einmal zwei Wochen Rad fahren. Darauf freue ich mich in diesem Augenblick des Abschieds. Wir biegen auf die Startbahn ein und müssen dort einen Moment warten. Dann gibt der Pilot Schub, die Triebwerke heulen auf, die Maschine beschleunigt und wir werden in die Sitze gepresst. Für mich der aufregendste Teil des Fluges. Man spürt die Geschwindigkeit. Wir heben ab und gewinnen schnell an Höhe. Die Maschine fliegt eine Kurve und nimmt Kurs aufs offene Meer. Ich blicke aus dem Fenster und sehe unter uns Tel Aviv, Jaffa und Bat Yam. Was für ein riesiges Häusermeer! Dort unten, in der Altstadt von Jaffa, liegt die Jugendherberge mit dem Zimmer, in dem ich vorletzte Nacht geschlafen habe. Erkennen kann ich sie von hier oben aber nicht. Die Uferpromenade, die ich noch gestern mit dem Rad mehrmals auf- und abgefahren bin, zieht sich vor den Hochhäusern am Strand nach Norden. In Gedanken bin ich noch einmal kurz dort unten, dann sind wir schon weit draußen über dem Mittelmeer und nehmen Kurs nach Nordwest. Über dem Land sind jetzt viele Wolken auszumachen, das Wetter hat sich geändert.

Wir fliegen an der israelischen Küste entlang. Dort müsste jetzt Haifa liegen, die Stadt, in der vor zwei Wochen meine Radtour begann. Dann dreht die Maschine von der Küste in Richtung Zypern ab. Frühstück wird ausgeteilt und ich konzentriere mich nun mehr aufs Essen als auf die Landschaft unter meinem Fenster. Als ich nach einer Weile wieder nach draußen blicke, überfliegen wir gerade zerklüftete baumlose Berge. Ich denke, wir dürften jetzt über der Türkei sein, so richtig erfahre ich das aber nicht. Ich sehe mir auf dem kleinen Bildschirm in der Kopfstütze des Vordersitzes einen Film an, der mir aber schon bald zu langweilig wird. Die beiden Passagiere neben mir sind eingeschlafen und so schalte ich den Kopfhörer auf Radio, suche mir eine schöne Musik aus und blicke wieder nach draußen. Die Landschaft ist jetzt nicht mehr so zerklüftet und baumlos wie vorhin. Ich erkenne Felder, Wälder, eine Autobahn, eine Stadt, einen Fluss und einige Seen, versuche herauszubekommen, wo wir gerade sein könnten, finde aber keinen markanten Punkt, der das Rätsel lösen könnte. Wir sind jetzt sicher über dem Balkan, irgendwo über Bulgarien oder Rumänien. Dann taucht ein großer See auf. Das könnte der Plattensee oder der Neusiedler See sein.

Nach rund vier Stunden Flug landen wir gegen 9 Uhr mitteleuropäischer Zeit pünktlich in Frankfurt am Main. Als wir in Richtung Parkposition rollen, blicke ich aus dem Fenster und sehe tatsächlich wieder das gepanzerte Fahrzeug des Bundesgrenzschutzes, das unsere El Al Maschine vor zwei Wochen hier in Frankfurt bis zur Startbahn begleitet hatte. Wir werden nach der Landung also tatsächlich wieder eskortiert.

Die Parkposition ist erreicht. Aussteigen, Passkontrolle, Gepäckausgabe und dann ab zum Sondergepäckschalter. Mein Rad ist bereits da und ich baue es schnell wieder zusammen. Trotz fehlender Verpackung ist nichts beschädigt. Das Rad ist wieder fahrbereit, die Reifen mit der Handpumpe provisorisch aufgepumpt und die Satteltaschen am Gepäckträger befestigt. So geht es jetzt aus der Gepäckzone in den allgemeinen Bereich des Flughafens. Der Fahrplan der Bahn nennt einen baldigen Zug in Richtung Hauptbahnhof. Ich beeile mich und erwische ihn noch. Über Würzburg geht es dann zügig zurück nach Schweinfurt. Dort lasse ich an der nächsten Tankstelle ordentlich Luft in meine beiden Reifen strömen. Nun kann ich die letzten Kilometer nach Hause radeln. Die Sonne scheint, aber die Wärme Israels fehlt mir schon jetzt. Gegen 16 Uhr bin ich dann wieder daheim.

Gedanken des Tages:

Heute Nacht werde ich in meinem eigenen Bett wieder tief und erholsam schlafen

Alles ist auch in diesem Jahr wieder optimal gelaufen – Danke

Johannes Reichert macht viele spanende Vorträge über seine Reiseabenteuer und ist besonders viel im Raum Scheinfurt unterwegs. Sie können Ihn auf seinen Vorträgen life erleben und für eigene Veranstaltungen buchen.
Email: Reichert.Johannes@t-online.de

Reisevorbereitung 2014

Diese beginnen bereits im Sommer 2013 mit dem Kauf der Flugtickets. Ich buche diesmal den Hin- und Rückflug mit El Al Israel Airlines schon sehr früh zu einem günstigen Preis von insgesamt 384 Euro. Auch das Fahrrad wird für 60 Euro pro Flug fest gebucht. 2014 will ich bereits Anfang März auf Tour gehen, da das Wüstenklima im Süden Israels später sicher sehr heiß und Jerusalem im April über Ostern bestimmt total überlaufen sein wird. Im Mai kann es im Jordangraben bereits sehr heiß werden, da sollte man dort unten sicher nicht unbedingt mit dem Fahrrad unterwegs sein. Im März werden die Temperaturen auch am Rande der Wüste Negev sicher noch erträglich sein. Also buche ich den Hinflug für Sonntag, den 09. März 2014 und den Rückflug für Mittwoch, den 26. März 2014. Die exakte Tourenführung lege ich noch nicht fest, habe aber bereits bestimmte Vorstellungen und studiere Landkarten.

Im Winter 2013/14, einer Jahreszeit, in der ich sonst wenig Sport treibe, versuche ich mich soviel wie möglich zu bewegen, um fit zu bleiben. Ich laufe öfter zur Arbeit und zu Einkäufen in die Stadt und strample auf dem Hometrainer im Keller. Anfang Januar verstärke ich das Ganze noch, laufe jetzt täglich 3 Kilometer zur Arbeit und abends wieder zurück und trete jeden Tag mindestens eine Stunde in die Pedale des Hometrainers. Hoffentlich reicht das, um im März fit zu sein. Auf jeden Fall ist das besser als gar nichts. So intensiv wie vor meinen letzten 15 Radtouren kann ich diesmal leider nicht trainieren.

Ende Januar informiere ich mich im Internet über Herbergen an der geplanten Strecke und muss feststellen, dass es im Süden des Landes bei weitem nicht so viele Möglichkeiten gibt wie im Norden. Dazu kommt, dass die Hotels und Hostels, die mir gefallen und auch preislich interessant sind, an den von mir gewünschten Tagen bereits ausgebucht sind. Vielleicht wäre es besser, ich würde diesmal alle Unterkünfte schon im Voraus buchen, um dann vor Ort keine bösen Überraschungen zu erleben. Über Booking.com mache ich mich an einem Sonntagnachmittag im Internet auf die Suche. Ich plane die Tour nun so, dass ich nach Tagesstrecken zwischen 50 und 70 Kilometern ein vernünftiges Zimmer haben werde. Dies gelingt mir dann auch nach einigem Suchen und Umstellen der Tagesetappen. Ab und zu ist jedoch ein Wartetag einzulegen, um dann zum Beispiel in der wunderschönen Jugendherberge Massada doch noch einen Schlafplatz ergattern zu können. Gerade dieses Haus war zu den von mir ursprünglich geplanten Terminen komplett ausgebucht. Am Abend dieses Sonntags sind dann tatsächlich alle Übernachtungen (insgesamt 19) fest gebucht. Bei meinen früheren Reisen hatte ich nie vorgebucht, wodurch ich natürlich wesentlich unabhängiger war, was Zeit und Ort betrifft. Aber all diese Touren fanden in Europa statt und da lässt sich eben leichter ein Zimmer aufs Geratewohl finden als zum Beispiel in Israel. Also bin ich zufrieden mit meinen Buchungen, kann mich aber einer leichten Nervosität nicht entziehen. Nun darf nichts passieren, sonst müsste alles wieder storniert werden. Auch während der Reise darf keine Panne, Krankheit, Unfall oder sonst irgendein unvorhergesehenes Ereignis eintreten, denn das würde die gesamte Buchungskette durcheinanderbringen. Aber man soll ja positiv denken und das mache ich jetzt auch. Wird schon schiefgehen!

Ende Februar kümmere ich mich um die Finanzen. Aus den Fehlern des letzten Jahres habe ich gelernt, besitze jetzt eine Kreditkarte (Master Card) und tausche 800 Euro in US-Dollar zum Kurs von 1,30 USD pro Euro. 330 Schekel besitze ich noch vom letzten Jahr und 400 Euro sollen zur Sicherheit auch noch mitreisen. … Weiterlesen Teil II, hier ->

Buchautor und Extremsportler Johannes Reichert

Buchautor und Extremsportler Johannes Reichert

 

 

Fotos (c) Johannes Reichert.

 

Weiterlesen ‚Mit dem Rad durch Israel‘ – Teil 2 hier ->

Absolut lesenswert!

Wir vom israel-trail.com vergeben dafür fünf Sterne!

 

Kontakt zu Johannes Reichert:
Email: Reichert.Johannes@t-online.de

 

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